Friedensjournalismus und medialer Dialog der Kulturen – eine europäische Bewegung entsteht

"Bereit für den Krieg?" So hatten die Veranstalter eine internationale Medientagung vom 10. -11. Juni in Bad Honnef genannt und dabei die Massenmedien und ihre Macher gemeint. Nach der Berichterstattung im Vorfeld des Irak-Kriegs und währenddessen schien der Befund der Deutschen Medienlandschaft nach der Tagung klar: "allenfalls eingeschränkt ist man in der Lage, sich im Krisenfall gegen Propaganda und Einflussnahmen zu wehren!" Dennoch während in vielen anderen Ländern die Berichterstattung sich nahezu auf das Material der amerikanischen Agenturen und Fernsehberichte stützte, gab es in Deutschland erstmals so etwas wie ein kritisches Hinterfragen zum Zustandekommen von Meldungen und ihrer Geschichte. Ein hoffnungsvolles Zeichen!

Kriegsberichterstattung hat Konjunktur. Die Profession hat im letzten Jahrzehnt so viel dazulernen können, wie davor ganz lange nicht. Die Kriege der letzten zehn Jahre haben auch die Medien mobilisiert und die ausgelösten Debatten haben unverkennbare Spuren hinterlassen. Die Front war oft genug verbotenes Gelände und allenfalls für speziell akkreditierte Journalisten im Pool zugänglich. Die neue Form des Embedded Journalist ist jedoch eine ausgesprochen problematische Version des Kriegsberichterstatters. Von ihm oder ihr wird erwartet, dass sie in den gleichen Feldbetten wie die kämpfende Truppe schlafen, vom gleichen Teller essen und dass sie im Zweifel die gleichen Ziele verfolgen, wie die Kämpfer an ihrer Seite. Gregor Mayer, der für die dpa während des Krieges aus Bagdad berichtete, stellte fest, dass für die "embbedded" hohe Professionalität und Erfahrung die Voraussetzung für eine kritischen Berichterstattung waren. Doch bei vielen Kollegen habe dies gefehlt.

Mit dem embedded journalism hat sich die Kriegsberichterstattung weiter entwickelt. Doch es bleibt fest zu halten, dass sie Kriegsberichterstattung mit all ihren Fragwürdigkeiten bleibt. Schon ihr Name verrät die Ereignisfixierung und thematische Engführung, erklärte Nadine Bilke, ZDF Redakteurin und Friedensforscherin auf der Tagung. Wenn Journalismus mit einem Zusatz versehen wird, bedeutet dies eine Einschränkung. Diese ist in der Profession üblich. Es gibt Wirtschaftsjournalisten, Gesundheitsjournalisten oder Sportjournalisten. Johan Galtung, viel zitierter norwegischer Friedensforscher, plädiert für Friedensjournalismus als eigener Sparte. Das Know How für diese Sparte gibt es. Es wurde in den letzten Jahrzehnten entwickelt und einiges davon wurde auf der Tagung dargestellt, insbesondere durch den BBC Journalisten Jake Lynch, der über seine Mitarbeit bei "Reporting the World" berichtete.

Ein häufig vernachlässigter Teil der Entwicklungs- und Friedenspolitik ist die Einbindung aller Bevölkerungsgruppen und religiösen und kulturellen Minderheiten. Gerade die Medien sind dabei unverzichtbare Partnern. Milica Pesic vom Media Diversity Institute, London, hat zahlreiche Erfahrungen über die Wirkung von Medien für die Akzeptanz von Verschiedenartigkeit innerhalb der Bevölkerung eines Landes gesammelt. Ihr Plädoyer: "Journalisten sollten ein Gespür für ethnische Vielfalt entwickeln." Über ganze Bevölkerungsgruppen, so Pesic, wird fast ausschließlich negativ berichtet. Asylsuchende gehören dazu, ohne dass über die Ursachen oder Hintergründe von angeblicher Kriminalität oder gewaltsamen Auseinandersetzungen berichtet würde.

In Deutschland oder von deutscher Seite gibt es derzeit wenig Aktivitäten in dieser Richtung. Dr. Kristian Bosselmann von der Europa Universität Viadrina berichtete über den Fernstudiengang "Interkulturelle Kommunikation". Er ist gedacht für Medienschaffende in Südosteuropas. Die Studienunterlagen werden ins Internet gestellt. Drei Semester dauert das Studium. Es vermittelt Wissen und Fertigkeiten für die Arbeit im Medienbereich. Vor allem aber auch in Mediation. Diese Technik, so Bosselmann, ist in multikulturellen Gesellschaften vor allem für Journalisten wichtig.

Die Arbeitstagung wollte auch der Frage nachgehen: was dieser Input für die Situation in Deutschland bedeutet? Initiativen wie die hier vorgestellten brauchen finanzielle Unterstützung, sie brauchen aber auch einen institutionellen Rahmen, in dem ausgebildet werden kann und die kontinuierliche Weiterentwicklung des Themenbereiches erfolgt. So wie das Institut für Medien, Frieden und Sicherheit der UN diesen Diskurs weltweit befördert und so wie die Abteilung SOS Medien der UNESCO, die Stiftung Hirondelle, Search for Common Ground oder Reporting the
World Projekte zu einem friedensfördernden Einsatz von Medien durchführen, so sollten auch von deutschem Boden Initiativen für einen solchen Mediengebrauch ausgehen. Im Vordergrund sollte die Betreuung von Projekten in den betroffenen Regionen stehen, doch auch die Qualifizierung von Journalisten und Medienmachern hier vor Ort sowie in der Qualifizierung von Friedensfachkräften und der entsprechenden Projektarbeit des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, sollte das Thema Medien prominent einbezogen werden, genau wie in die Qualifizierung des zivilen Personals für Friedensmissionen des Auswärtigen Amtes. Dies sollte eng vernetzt mit den Berufsverbänden und berufsständige Organisationen geschehen.

Der sich in der Gründungsphase befindliche gemeinnützige Verein Eine Welt Medien, der aus der Evangelischen Fachstelle gleichen Namens hervor gegangen ist, hat sich als Organisator der Tagung viel vorgenommen. Martin Zint und Jörgen Klußmann, die den Verein in mit Sitz in Bonn gründen, wollen die oben beschriebenen Aufgaben für die deutsche Seite übernehmen. Dabei werden sie eng mit den europäischen Partnern zusammen arbeiten und bereits für das kommende Jahr Projekte in Indonesien, Tschad und wenn alles gut geht in Palästina und Israel durchführen. Schließlich so Jake Lynch sei mit der Tagung deutlich geworden, dass so etwas wie eine Bewegung und ein Netzwerk entstanden sei, in dem die deutsche Seite wichtige Impulse liefere und von daher nicht fehlen dürfe.

Jörgen Klußmann, Martin Zint, Juli 2004