Burg Schlaining vom 9. bis 14.
Juli 2006.
„Gute
Medien – böser Krieg? Medien
am
schmalen Grat zwischen Cheerleadern des Militärs und
Friedensjournalismus.
Wie wird die Welt regiert und in den Krieg geführt? Diplomaten belügen Journalisten und glauben es, wenn sie es lesen (Karl Kraus). Diese Kostprobe des Wiener Schmäh in der Einladung zur 23. Internationalen Sommerakademie des österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung, Burg Schlaining, gab den Ton an.
Über 300
Besucher der
Sommerakademie stellen einen Besucherrekord dar. Wissenschaftler,
Journalisten,
und Interessierte aus vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens
bildeten
ein sehr qualifiziertes Publikum. Sie diskutieren kontrovers, humorvoll
und
manchmal auch aggressiv.
Seine Sprache
sei völlig
unangemessen musste sich Thomas Seifert, als Reporter für das Magazin
News u.a. im Irak tätig, nach seinem
Vortrag sagen lassen. In
launiger Sprache hatte er einen sehr offenen Einblick in die
Arbeitsbedingungen
und die persönlichen Verarbeitungsstrategien eines Journalisten im
Bagdad der Kriegstage
gegeben. Dazu gehöre eben eine Sprache, wie sie auch bei Chirurgen zu
beobachten sei wenn sie über ihre Arbeit reden, erwiderte Seifert.
Die
entscheidende Frage
lautet, so Thomas Seifert, wo recherchiere ich? Beim UN-Sicherheitsrat?
Oder
nehme ich die Einladung auf einen US-Flugzeugträger an? Dass die
Entscheidung
für den Flugzeugträger falle, sei den Erwartungen der Rezipienten
geschuldet,
so Seifert. Die seien „Storyfixiert“,
wollten
Geschichten hören.
Die
Hauptverantwortung für
die Berichterstattung liegt beim Journalisten und den Medien hielt
Andreas Zumach, UN-Korrespondent der taz,
dagegen. Und stellte die Frage, warum die ARD neun
Hörfunkkorrespondenten in
Washington beschäftigt. Einige davon könnten doch auch flexibel an
aktuellen
Brennpunkten eingesetzt werden. In Teheran, z.B., herrsche derzeit ein
klarer
Mangel an deutschsprachigen Korrespondenten. Das sei es nicht allein,
ergänzte
der Nahost-Korrespondent des ZDF, Ulrich Tilgner.
„Wenn ein Flugzeug abstürzt, fliegt mein Bericht aus Teheran aus dem
Programm“.
Der Berliner
Korrespondent
von Al Jazeera, Aktham
Suliman, erinnerte daran, dass sein Sender
nach seiner
Gründung 1995 bis zum 11.9.01 als Hoffnungsträger galt. Viele Kollegen
kamen
von der BBC, er selber von der Deutschen Welle. Seit dem 11.9.01 sind
wir
Beschuldigte. „Ihr sendet Bin Laden Videos“ werfen mir Kollegen vor, um
dann zu
fragen: „Können wir das Band haben? Was kostet die Minute?“
Unter der
Überschrift
„Friedensjournalismus als Beitrag zur Gewaltprävention?“ entwickelte
Nadine
Bilke, Medienwissenschaftlerin und Online-Redakteurin beim ZDF,
Perspektiven
einer konfliktsensitiven Berichterstattung. Die schillernde Bandbreite
des
Begriffes „Friedensjournalismus“ war in den Debatten bereits deutlich
geworden.
Nadine Bilke buchstabierte ihn als einen werteorientierten
Qualitätsjournalismus. Sie wies darauf hin, dass Aktualität nicht
allein eine
Frage der Reaktionszeit sei, sondern der Begriff „Aktualität“ auch eine
inhaltliche Dimension habe: welche Themen sind aktuell? Dazu dürfen
Journalisten Vorschläge machen, fügte Andreas Zumach
hinzu. Sie tragen Verantwortung dafür, dass bestimmte Themen Eingang in
den
gesellschaftlichen Diskurs finden. Dazu sei in manchen Fällen eine
Medienveröffentlichung nötig, auf die sich Politiker in ihrer
Argumentation
beziehen können.
Auch die
Rezipienten sollten
ihren Einfluss nutzen. Er rufe manchmal 8-9 mal
die
Hotline eines Senders unter verschiedenen Namen an, um sich zu
beschweren,
sagte Omar Al-Rawi (Initiative
muslimischer
Österreicher). Sobald eine kritische Menge solcher Beschwerden
vorliege,
befassen sich die Redaktionen und ggf. vorgesetzte Gremien mit dem
Thema, ist
seine Erfahrung.
Jürgen Rose,
Oberstleutnant
und Publizist, schilderte sehr faktenreich die Versuche besonders des
US-Militärs,
Medien als „Kampfkraftverstärker“ einzusetzen. Den weitgehenden
Verpflichtungen, die „embedded journalists“
eingehen, steht nur ein sehr begrenzter Erkenntnisgewinn entgegen. 700 „embedded journalists“
haben nur
ca. 50 Berichte von Kampfhandlungen geliefert.
Nicht
eingebettete
Journalisten gehen im Zeitalter des „embedded“
ein
besonders hohes Risiko ein. Zivile Fahrzeuge im Umfeld von
Kampfhandlungen
gelten rasch als feindlich und werden beschossen. Siegesmund von Ilsemann, Redakteur beim Spiegel,
wies deshalb darauf hin, dass so ein hoher Druck auf die
Verantwortlichen für
die Kriegsberichterstattung entsteht, ihre Korrespondenten einbetten zu
lassen.
Auch wenn sie das unter journalistischen Gesichtspunkten ablehnen.
Angesichts
zunehmender
wirtschaftlicher und politischer Verflechtung von Medien gewinnen
alternative
Formen der Informationsübermittlung an Bedeutung. Karin Kneissl,
Journalistin und Nahostexpertin, nannte die Zahl von 80.00 Weblogs
allein im Iran. Oft werden sie von jungen Frauen zu den Themen
Religion, Scheinheiligkeit,
Liebe oder Trauer verfasst. (Buchtipp: Nasrin Alavi,
Wir sind der Iran. Aufstand gegen die Mullahs - die junge persische Weblog-Szene, Kiepenheuer & Witsch, Köln
2005).
Auch am Schluss
der 23.
Sommerakademie stand wieder ein Aphorismus, diesmal eines deutschen
Autors: „Es
ist fast unmöglich, die Fackel der
Wahrheit durch ein Gedränge zu
tragen, ohne jemandem den Bart zu sengen“,
Georg Christoph
Lichtenberg.
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Anstelle eines
Abschlussstatement bei der Podiumsdiskussion ’„Kampf der Kulturen“ –
medial
inszeniert oder Realität?’ erzählte von Omar Al-Rawi
(Initiative muslimischer Österreicher) den folgenden Witz:
George W. Bush
hatte die
Koalition der Willigen eingeladen, um die Fortführung des Kampfes gegen
den
Terror zu beraten. Am Ende des Treffens treten George W. Bush und Tony
Blair
vor die Presse. George W. Bush berichtet, man habe weitreichende
Maßnahmen
beschlossen, zu denen er aber zu diesem Zeitpunkt keine Einzelheiten
bekannt
geben könne. Nur so viel: die Aktionen werden Opfer fordern. Ca. vier
Millionen
Muslime werden ums Leben kommen und ein Zahnarzt. Unter den
Journalisten
entsteht großer Tumult. „Warum ein Zahnarzt?“ „Wo lebt er?“ „Wie heißt
er?“
Tony Blair beugt sich zum amerikanischen Präsidenten und sagt: „Hab’
ich es
nicht gleich gesagt? Nach den Muslimen fragt kein Schwein!“
© Martin Zint, m.zint@zintweb.de, 07/2006 Home